Warum in Deutschland wieder mehr gearbeitet werden muss

Egon Minar

1/18/20263 min read

Deutschland steht wirtschaftlich an einem Wendepunkt. Das Land, das über Jahrzehnte als wirtschaftlicher Stabilitätsanker Europas galt, durchlebt seit nahezu drei Jahren eine anhaltende Rezession. Die Arbeitslosigkeit steigt, Unternehmens-investitionen gehen zurück und die internationale Wettbewerbsfähigkeit nimmt spürbar ab. Während häufig externe Ursachen wie geopolitische Spannungen oder weltweite protektionistische Tendenzen angeführt werden, liegen die entscheidenden Gründe für die aktuelle Schwäche vor allem im eigenen Land.

Das Ende eines Erfolgsmodells

Das frühere deutsche Erfolgsmodell basierte auf hoher industrieller Wertschöpfung, technologischer Exzellenz, einer starken Exportorientierung und lange Zeit auf vergleichsweise günstigen fossilen Energieträgern. Dieses Modell funktioniert heute immer weniger. Hohe Energiekosten im internationalen Vergleich, marode Infra-strukturen, eine überbordende Bürokratie, eine zu geringe Digitalisierung sowie hohe Unternehmenssteuern belasten die Wirtschaft zusätzlich.

Hinzu kommen strukturelle Defizite im Bildungssystem, ein ausgeprägter Fachkräftemangel sowie ein Missverhältnis zwischen hohen konsumtiven Sozial-ausgaben und vergleichsweise niedrigen staatlichen Investitionen. Die Folge sind sinkende Produktivitätskennzahlen und ein zunehmender Abstand zu führenden Wirtschaftsnationen wie den USA, China oder anderen ostasiatischen Staaten.

Der unbequeme Befund ist: Deutschland arbeitet zu wenig.

Ein besonders sensibler, aber zentraler Punkt wird in der öffentlichen Debatte häufig ausgeklammert: Deutschland zählt im internationalen Vergleich zu den Ländern mit den geringsten durchschnittlichen jährlichen Arbeitsstunden - nicht nur innerhalb der EU, sondern auch im Vergleich zu allen G20-Staaten und zu den 37 OECD-Ländern. Noch gravierender ist der langfristige Trend: In den vergangenen 50 Jahren sind die durchschnittlich geleisteten Arbeitsstunden in keinem anderen Land so stark gesunken wie in Deutschland. Entsprechend liegt Deutschland bei den Lebens-arbeitsstunden international nur an zweitletzter Stelle. Dieser Befund ist kein moralisches Urteil über individuelle Leistungsbereitschaft, sondern ein nüchterner statistischer Vergleich. Er zeigt jedoch klar, dass sich die wirtschaftliche Leistungs-fähigkeit eines Landes nicht dauerhaft von der geleisteten Arbeit entkoppeln lässt.

Teilzeit, Arbeitszeitmodelle und staatliche Rahmenbedingungen

Ein wesentlicher Faktor für die niedrigen Arbeitsstunden ist der hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigung, insbesondere bei Frauen und Müttern. Doch dies ist nur ein Teil der Erklärung. Deutschland verfügt insgesamt über äußerst arbeitnehmerfreundliche gesetzliche und tarifliche Arbeitszeitregelungen: kurze Wochenarbeitszeiten, eine international nahezu einzigartige Zahl an Urlaubs- und Feiertagen sowie sehr großzügige Regelungen zur Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Diese Errungen-schaften sind Ausdruck sozialpolitischer Fortschritte, haben jedoch in ihrer Gesamtheit wirtschaftliche Nebenwirkungen, die im internationalen Wettbewerb zunehmend ins Gewicht fallen.

Mehr Arbeit als gesellschaftliche Aufgabe

Die Schlussfolgerung daraus lautet nicht, soziale Standards pauschal infrage zu stellen. Vielmehr geht es um eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über Leistungsfähigkeit, Wohlstandssicherung und Generationengerechtigkeit. In einer alternden Gesellschaft mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung kann ein hohes Wohlstandsniveau nur gehalten werden, wenn entweder die Produktivität massiv steigt oder insgesamt mehr gearbeitet wird – realistisch betrachtet braucht es beides. In meinem Buch „Warum in Deutschland wieder mehr gearbeitet werden muss“ zeige ich auf, welche Herausforderungen sich aus der aktuellen Entwicklung für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ergeben und welche Reformen notwendig sind.

Lösungsansätze statt Schuldzuweisungen

Dieses Buch beschränkt sich nicht auf Problembeschreibungen, sondern unterbreitet konkrete Vorschläge:

  • eine Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft,

  • gezielte wirtschaftliche Fördermaßnahmen,

  • deutlich höhere Investitionen in Aus- und Weiterbildung,

  • bessere Rahmenbedingungen für mehr Vollzeitarbeit, insbesondere für Frauen,

  • Anreize für längeres Arbeiten über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus,

  • notwendige Rentenreformen sowie

  • eine schnellere und effektivere Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt.

All diese Maßnahmen verfolgen ein gemeinsames Ziel: die wirtschaftliche Substanz Deutschlands zu stärken, ohne den sozialen Zusammenhalt zu gefährden.

Fazit

„Mehr arbeiten“ ist kein populäres Schlagwort. Doch wirtschaftliche Realität lässt sich nicht dauerhaft ignorieren. Wer den Wohlstand, die sozialen Sicherungssysteme und die Zukunftschancen kommender Generationen erhalten will, muss bereit sein, bestehende Denkverbote zu hinterfragen. Deutschland braucht eine neue Leistungs-debatte – sachlich, faktenbasiert und lösungsorientiert.

Weitere Informationen zu meinem Buch „Warum in Deutschland wieder mehr gearbeitet werden muss“ sowie zu meinen weiteren Büchern finden Sie auf meiner Homepage: 👉 www.egonminar.eu