Deutschland im Wartemodus: Warum wir unsere Souveränität verspielen
Gastkommentar
Egon Minar
4/29/20261 min read
Deutschland hat ein Problem – und es ist größer als Inflation, Migration oder Konjunkturflaute. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: die schleichende Erosion unserer Souveränität. Lange haben wir uns eingeredet, dieser Prozess sei gewollt gewesen. Europa, internationale Kooperation, transatlantische Partnerschaft – all das stimmt. Aber es erzählt nur die halbe Wahrheit. Denn wer Souveränität teilt, muss gleichzeitig eigene Stärke aufbauen. Genau das hat Deutschland versäumt.
Heute zeigt sich die Quittung. Die Wirtschaft schwächelt, Schlüsselindustrien verlieren an Dynamik. In der Sicherheitspolitik bleibt Deutschland abhängig. Digital hängt das Land an den Plattformen anderer. Und geopolitisch? Wir kommentieren – statt zu gestalten. Das ist kein plötzlicher Absturz. Es ist das Ergebnis jahrelangen Zögerns. Die Probleme sind bekannt. Die Lösungen auch. Was fehlt, ist der politische Wille, sie umzusetzen. Statt strategischer Klarheit dominiert ein Klein-Klein, das den großen Herausforderungen nicht mehr gerecht wird. Deutschland verwaltet – andere entscheiden.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in der Sicherheitspolitik. Jahrzehntelang war die Abhängigkeit von den USA bequem und sinnvoll. Doch die Welt hat sich verändert. Wer heute dauerhaft Sicherheit outsourct, verzichtet auf echten Einfluss. Partnerschaft auf Augenhöhe entsteht nicht durch Appelle, sondern durch eigene Stärke.
Dabei wird ein entscheidender Punkt oft übersehen: Souveränität beginnt im Inneren. Eine alternde Gesellschaft, wachsendes Misstrauen gegenüber Institutionen und zunehmende Polarisierung untergraben die Grundlage politischer Handlungsfähigkeit. Ein Staat ist nur so souverän, wie seine Gesellschaft stabil ist.
Noch ist Deutschland kein Krisenfall. Die wirtschaftliche Basis ist solide, die Institutionen funktionieren. Aber die Substanz erodiert – langsam, Jahr für Jahr. Der eigentliche Skandal ist nicht der Zustand, sondern die verlorene Zeit. Während andere Länder in Technologie, Sicherheit und strategische Autonomie investiert haben, hat Deutschland gezögert. Und Zeit lässt sich nicht nachholen.
Deutschland steht an einem Wendepunkt. Es geht nicht um die Abkehr von Bündnissen oder internationalen Verpflichtungen. Es geht darum, wieder handlungsfähig zu werden. Weniger Abhängigkeit, mehr Eigenständigkeit. Weniger Verwaltung, mehr Gestaltung. Souveränität ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Sie muss immer wieder neu erarbeitet werden. Die Frage ist nicht, ob Deutschland dazu in der Lage ist. Die Frage ist, ob es den Mut hat, endlich damit anzufangen.
Egon Minar