Deutschland verspielt seinen Wohlstand - Zeit für die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft
Ein Gastkommentar
Egon Minar
2/22/20262 min read
Deutschland lebt von seiner Vergangenheit. Vom Mythos des Wirtschaftswunders. Von der Erzählung eines stabilen Mittelstands. Von der Idee, dass die Soziale Marktwirtschaft schon irgendwie funktionieren werde. Doch die Realität ist eine andere: Deutschlands Wachstumsdynamik ist schwach, Investitionen wandern ab, Unternehmen verlagern Produktionen ins Ausland, und immer mehr Bürger verlieren das Vertrauen in die wirtschaftspolitische Vernunft dieses Landes. Das ist kein globales Schicksal. Das ist hausgemacht.
Das frühere Erfolgsprinzip wurde vergessen. Die Soziale Marktwirtschaft – geprägt von Ludwig Erhard – war nie ein Wohlfühlmodell. Sie war ein Leistungsmodell: Freiheit im Markt, klare Regeln des Staates, Verantwortung des Einzelnen. Sie verband Wettbewerb mit sozialer Absicherung. Sie setzte auf Eigentum, Unternehmertum und Aufstiegschancen. Sie verlangte Eigenverantwortung statt Dauerabhängigkeit. Genau diese ordnungspolitische Klarheit ist verloren gegangen.
Heute erleben wir eine Politik, die Symptome verwaltet, aber Ursachen ignoriert. Sie verteilt, statt Wachstum zu schaffen. Sie reguliert, statt zu ermöglichen. Sie moralisiert, statt zu modernisieren. Wir verabschieden uns schleichend vom Leistungsprinzip. Wenn Arbeit kaum stärker belohnt wird als Nicht-Arbeit, gerät ein zentrales Fundament ins Wanken. Wenn Investitionen durch hohe Energiekosten, Steuerbelastungen und Bürokratie ausgebremst werden, verliert ein Industriestandort seine Substanz. Wenn politische Entscheidungen zunehmend ideologisch statt ökonomisch begründet sind, schwindet die Planungssicherheit. Die Soziale Marktwirtschaft wird nicht offen abgeschafft – sie wird schleichend entkernt.
Deutschland diskutiert über immer neuere Förderprogramme, Subventionen und Schulden. Was fehlt, ist der Mut zu strukturellen Reformen. Wer soziale Sicherheit dauerhaft sichern will, braucht wirtschaftliche Dynamik. Ohne Wachstum gibt es keine stabilen Renten, ohne Wettbewerbsfähigkeit keine sicheren Arbeitsplätze und ohne Investitionen keine Innovationen. Der Glaube, man könne Verteilungspolitik von Wertschöpfung entkoppeln, ist ökonomisch naiv.
In meinem Buch „Die erforderliche Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft“ lege ich dar, warum Deutschland eine grundlegende wirtschaftspolitische Neuorientierung braucht – keine kosmetischen Korrekturen. Dazu gehören:
spürbare steuerliche Entlastungen für Unternehmen und Arbeitnehmer,
ein konsequenter und messbarer Bürokratieabbau,
wettbewerbsfähige Energiepreise,
massive Investitionen in Infrastrukturen und Digitalisierung,
Förderung von Unternehmertum, Innovationen und Startups,
nachhaltige Reformen der Renten- und Sozialsysteme und
eine europäische Politik, die Wettbewerbsfähigkeit über Symbolpolitik stellt.
Es geht nicht um Sozialabbau. Es geht um die Wiederherstellung von Leistungsanreizen und wirtschaftlicher Vernunft. Die Alternative ist der Abstieg. Deutschland steht an einem Wendepunkt. Entweder wir halten an einer Politik fest, die kurzfristige Befriedung über langfristige Prosperität stellt oder wir besinnen uns auf die Prinzipien, die dieses Land stark gemacht haben: Freiheit, Verantwortung, Wettbewerb und Solidarität mit den wirklich Bedürftigen.
Die Soziale Marktwirtschaft war das erfolgreichste Gesellschaftsmodell der Bundesrepublik. Ihre Erneuerung ist keine nostalgische Übung, sondern eine zukunftsorientierte Notwendigkeit. Wohlstand ist kein Naturzustand. Er ist das Ergebnis kluger Ordnungspolitik. Wenn wir nicht handeln, wird Deutschland nicht plötzlich verarmen. Aber es wird schrittweise weiterhin an Bedeutung verlieren. Noch haben wir die Wahl.
Weitere Informationen zu meinen wirtschaftspolitischen Positionen und Veröffentlichungen finden Sie auf meiner Homepage: www.egonminar.eu
Egon Minar