Deutschlands verdrängte Krise: Die Altersarmut
Ein Gastkommentar
Egon Minar
9/14/20265 min read
Wer jahrzehntelang gearbeitet hat und im Alter trotzdem jeden Euro umdrehen muss, verliert nicht nur finanzielle Sicherheit. Er kann auch das Vertrauen in das Versprechen unseres Sozialstaates verlieren. Noch kann Deutschland eine massive Ausweitung der Altersarmut verhindern. Doch dafür muss die Politik endlich aufhören, die Rentenfrage mit kurzfristigen Reparaturen zu beantworten.
Deutschland diskutiert über Migration, Wirtschaftswachstum, Verteidigung, Klimaschutz und künstliche Intelligenz. Über eine gesellschaftspolitische Krise, die sich seit Jahren nahezu lautlos entwickelt, sprechen wir dagegen erstaunlich wenig: die steigende Altersarmut.
Vielleicht liegt das daran, dass Altersarmut selten spektakulär ist. Sie produziert keine dramatischen Bilder. Sie entwickelt sich schleichend. Sie zeigt sich in der Rentnerin, die im Winter weniger heizt. Im Rentner, der sich den Besuch bei Freunden nicht mehr leisten kann. In Menschen, die nach einem langen Arbeitsleben plötzlich überlegen müssen, ob sie eine unerwartete Rechnung überhaupt noch bezahlen können. Altersarmut beginnt dort, wo gesellschaftliche Teilhabe zum Luxus wird. Und genau deshalb dürfen wir sie nicht länger als Randproblem der Sozialpolitik behandeln.
Wer sein Leben lang arbeitet, darf im Alter nicht zum Bittsteller werden
Unser Sozialstaat beruht auf einem fundamentalen Versprechen: Wer arbeitet, Verantwortung übernimmt, Beiträge zahlt und seinen Teil zum Funktionieren unserer Gesellschaft beiträgt, soll im Alter auf ein Mindestmaß an Sicherheit vertrauen können.
Dieses Versprechen ist von enormer Bedeutung. Denn die gesetzliche Rente ist mehr als eine monatliche Überweisung. Sie verkörpert einen gesellschaftlichen Vertrag zwischen den Generationen. Gerät dieser Vertrag ins Wanken, geht es deshalb um weit mehr als Geld.
Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn eine wachsende Zahl von Menschen nach vierzig oder mehr Jahren Erwerbsleben feststellen muss, dass ihre Rente kaum für ein Leben in Würde reicht? Was geschieht mit dem Vertrauen in den Staat? Und was geschieht mit der Bereitschaft der jüngeren Generation, ein System zu finanzieren, von dem sie zunehmend bezweifelt, ob es ihr selbst eines Tages noch ausreichende Sicherheit bieten wird? Die Rentenfrage ist deshalb längst zu einer Vertrauensfrage geworden.
Altersarmut beginnt Jahrzehnte vor dem Rentenbescheid
Wer die steigende Altersarmut wirksam bekämpfen will, darf allerdings nicht erst beim Renteneintritt ansetzen. Denn Altersarmut entsteht meist Jahrzehnte zuvor. Niedrige Löhne führen zu niedrigen Beiträgen und damit zu niedrigen Renten. Teilzeit, Minijobs, längere Arbeitslosigkeit und unterbrochene Erwerbsbiografien hinterlassen Lücken. Menschen, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen und deshalb beruflich zurückstecken, können dafür im Alter einen hohen finanziellen Preis bezahlen.
Besonders problematisch ist, dass zusätzliche betriebliche und private Vorsorge häufig gerade diejenigen am wenigsten erreicht, die sie am dringendsten benötigen. Wer bereits während seines Erwerbslebens kaum finanziellen Spielraum besitzt, kann nicht ohne Weiteres erhebliche Beträge für das Alter zurücklegen. Deshalb ist der gelegentlich zu hörende Hinweis, jeder müsse eben stärker privat vorsorgen, zwar schnell ausgesprochen – aber für Millionen Menschen keine ausreichende Antwort.
Der demografische Wandel ist keine Entschuldigung für politische Untätigkeit
Natürlich altert Deutschland. Immer mehr Rentnerinnen und Rentner stehen relativ weniger Menschen im Erwerbsalter gegenüber. Diese Entwicklung stellt unser umlagefinanziertes Rentensystem vor enorme Herausforderungen. Doch daraus den Schluss zu ziehen, steigende Altersarmut sei zwangsläufig, wäre fatal. Denn nicht allein die Zahl der Menschen entscheidet über die Finanzierbarkeit unseres Sozialstaates.
Entscheidend ist auch, wie viele Menschen arbeiten, wie produktiv sie arbeiten, wie hoch ihre Einkommen sind und wie erfolgreich unsere Volkswirtschaft insgesamt ist. Damit wird die Rentenpolitik unweigerlich auch zur Wirtschaftspolitik. Ein Land mit schwachem Wachstum, geringer Produktivitätsentwicklung, Fachkräftemangel und sinkender Wettbewerbsfähigkeit wird immer größere Schwierigkeiten bekommen, seine sozialstaatlichen Versprechen zu finanzieren.
Deshalb muss eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen werden: Ohne eine starke Wirtschaft wird es auf Dauer auch keinen starken Sozialstaat geben.
Deutschland braucht Wachstum – aber Wachstum allein reicht nicht
Deutschland muss deshalb wieder stärker wachsen. Wir brauchen mehr Investitionen in Bildung, Forschung, Digitalisierung, Infrastruktur und Innovation. Wir brauchen international wettbewerbsfähige Standortbedingungen, weniger lähmende Bürokratie und eine Zuwanderungspolitik, deren Erfolg sich auch daran misst, wie schnell Menschen in Beschäftigung kommen.
Wir müssen zugleich das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser nutzen. Dazu gehören bessere Voraussetzungen für Frauen, die mehr arbeiten möchten, eine erfolgreiche Qualifizierung und Integration von Zugewanderten sowie Arbeitsbedingungen, die es älteren Menschen ermöglichen, freiwillig länger erwerbstätig zu bleiben. Aber auch das muss gesagt werden: Wirtschaftswachstum allein beseitigt keine Altersarmut.
Eine Volkswirtschaft kann wachsen, während Menschen mit niedrigen Einkommen weiterhin kaum Rentenansprüche aufbauen. Wenn Mieten und andere Lebenshaltungskosten schneller steigen als Einkommen, kann selbst eine formal ausreichende Rente zunehmend an Kaufkraft verlieren. Wirtschaftliche Dynamik und soziale Sicherheit dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Wirtschaft schafft die Ressourcen. Die Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass daraus auch gesellschaftliche Sicherheit entsteht.
Wir brauchen eine Rentenreform – keine weitere Rentenreparatur
Seit Jahren reagiert Deutschland auf die strukturellen Probleme seiner Alterssicherung mit einzelnen Maßnahmen. Doch ein demografisches und wirtschaftliches Problem von historischer Dimension lässt sich nicht dauerhaft mit immer neuen Einzelkorrekturen bewältigen.
Deutschland braucht eine langfristige Gesamtstrategie für die Alterssicherung. Die gesetzliche Rentenversicherung muss als zentrale Säule erhalten bleiben. Gleichzeitig sollte ihre Finanzierungsbasis langfristig breiter werden. Zusätzliche kapitalgedeckte Vorsorge muss einfacher, kostengünstiger und für breite Bevölkerungsschichten zugänglich werden. Sie darf kein Privileg höherer Einkommen sein.
Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet oder gesellschaftlich notwendige Sorgearbeit geleistet haben, sollten im Alter spürbar oberhalb des Existenzminimums leben können.
Wir brauchen flexiblere Übergänge in den Ruhestand statt starrer Lösungen. Wer länger arbeiten möchte und kann, sollte dies leichter tun können. Wer jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet hat, darf dabei nicht benachteiligt werden.
Und wir sollten endlich systematischer auf andere Länder schauen. Deutschland muss kein ausländisches Rentensystem kopieren. Aber es wäre fahrlässig, erfolgreiche Erfahrungen anderer Staaten zu ignorieren, nur weil sie nicht aus Deutschland stammen.
Es geht nicht um Jung gegen Alt
Besonders gefährlich wäre es, die notwendige Rentenreform als Verteilungskampf zwischen den Generationen zu führen. Die Jungen sind nicht die Gegner der Alten. Und die Alten leben nicht auf Kosten der Jungen. Beide Generationen haben letztlich dasselbe Interesse: ein Alterssicherungssystem, dessen Versprechen verlässlich, gerecht und finanzierbar sind.
Die jüngere Generation muss darauf vertrauen können, dass ihre Beiträge nicht in einem dauerhaft überforderten System verschwinden. Die ältere Generation muss darauf vertrauen können, dass jahrzehntelange Lebensleistung anerkannt wird. Generationengerechtigkeit bedeutet deshalb nicht, einer Generation etwas wegzunehmen, um es einer anderen zu geben. Sie bedeutet, Regeln zu schaffen, die auch in zwanzig oder dreißig Jahren noch funktionieren.
Altersarmut kann unsere Demokratie beschädigen
Die politische Dimension dieser Entwicklung wird noch immer unterschätzt. Wenn Menschen jahrzehntelang gearbeitet haben und am Ende ihres Erwerbslebens erleben, dass sie dennoch kaum über die Runden kommen, kann daraus ein Gefühl fundamentaler Ungerechtigkeit entstehen. Wer glaubt, dass sich Leistung nicht mehr lohnt und politische Institutionen seine Lebenswirklichkeit nicht mehr wahrnehmen, kann das Vertrauen in genau diese Institutionen verlieren.
Soziale Unsicherheit führt nicht automatisch zu politischer Radikalisierung. Aber eine Demokratie sollte niemals gleichgültig darauf reagieren, wenn größere Bevölkerungsgruppen den Eindruck gewinnen, dass ein zentrales gesellschaftliches Versprechen ihnen gegenüber nicht mehr eingehalten wird. Die Bekämpfung der Altersarmut ist deshalb auch eine Investition in das Vertrauen in unsere Demokratie.
Noch können wir handeln
Die gute Nachricht lautet: Die Entwicklung ist nicht unabwendbar. Deutschland besitzt noch immer eine leistungsfähige Wirtschaft, starke Institutionen und das Wissen, um sein Alterssicherungssystem langfristig zu stabilisieren. Was fehlt, ist weniger die Erkenntnis als die politische Konsequenz. Reformen werden nicht einfacher, wenn wir sie verschieben.
Im Gegenteil: Je länger wir warten, desto größer werden die finanziellen Belastungen, desto härter können später notwendige Eingriffe ausfallen und desto schwieriger wird es, einen fairen Ausgleich zwischen den Generationen zu erreichen. Deutschland braucht deshalb einen neuen sozialpolitischen Realismus. Einen Realismus, der den Menschen keine Versprechen macht, die langfristig nicht finanzierbar sind.
Der aber ebenso entschieden der Vorstellung widerspricht, Altersarmut sei eben der unvermeidliche Preis des demografischen Wandels. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht nur darin, wie sie wirtschaftlichen Erfolg belohnt. Sie zeigt ihn auch darin, wie sie mit den Menschen umgeht, die dieses Land über Jahrzehnte mit ihrer Arbeit getragen haben.
Die steigende Altersarmut ist deshalb mehr als eine rentenpolitische Herausforderung. Sie ist eine Frage der Menschenwürde. Eine Frage der Leistungsgerechtigkeit. Eine Frage der Generationengerechtigkeit. Und letztlich eine Frage des Vertrauens in unseren Staat.
Deutschland kann verhindern, dass aus der steigenden Altersarmut eine sozialpolitische Katastrophe wird. Aber dafür müssen wir handeln, bevor aus einer verdrängten Krise eine unbeherrschbare geworden ist.