Die erforderliche Rentenreform – warum Deutschland jetzt handeln muss
Dieser Blog beschreibt. warum die Rentenreformen in Deutschland sehr dringlich geworden sind und wie die künftige Renten-Finanzierung gelingen kann.
Egon Minar
1/25/20263 min read
Die Sicherheit der Rentenfinanzierung zählt zu den größten und zugleich berechtigten Sorgen aller Generationen in Deutschland. Jüngere Menschen zweifeln zunehmend daran, ob sie im Alter noch auf eine auskömmliche gesetzliche Rente vertrauen können. Ältere Menschen wiederum fürchten den sozialen Abstieg und Altersarmut trotz jahrzehntelanger Erwerbsarbeit. Diese Sorgen sind nicht unbegründet – und sie sind das Ergebnis einer Rentenpolitik, die notwendige Reformen über viele Jahre hinweg aufgeschoben hat.
Ein System unter massivem Druck
Das deutsche Rentensystem basiert im Kern noch immer auf dem sogenannten Generationenvertrag: Die aktuell Erwerbstätigen finanzieren mit ihren Beiträgen die Renten der heutigen Rentnerinnen und Rentner. Dieses Umlageverfahren hat über Jahrzehnte funktioniert – allerdings unter völlig anderen demografischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Heute steht Deutschland vor zwei zentralen Herausforderungen. Erstens steigen die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rentenversicherung seit Jahren massiv an. Allein im Jahr 2025 lagen diese Zuschüsse bei rund 125 Milliarden Euro und machten damit etwa ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts aus. Ohne strukturelle Reformen werden diese Beträge weiter deutlich steigen und andere staatliche Aufgaben zunehmend verdrängen.
Zweitens nimmt trotz dieser enormen staatlichen Mittel die Altersarmut zu. Bereits heute sind rund 20 Prozent der Rentnerinnen und Rentner davon betroffen – mit steigender Tendenz. Besonders gefährdet sind Frauen, Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien sowie Geringverdiener. Ohne tiefgreifende Reformen droht sich die Altersarmut in den kommenden zwei Jahrzehnten auf bis zu 40 Prozent auszuweiten. Die gesellschaftlichen Folgen wären gravierend und würden den sozialen Zusammenhalt nachhaltig gefährden.
Deutschland im europäischen Vergleich
Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass es auch anders geht. Mit einem durchschnittlichen Rentenniveau von rund 48 Prozent liegt Deutschland nur im europäischen Mittelfeld. Ohne weitere Bundeszuschüsse würde dieses Niveau sogar in Richtung 40 Prozent absinken. Andere Länder wie die Niederlande, Österreich, die Schweiz oder Dänemark erreichen hingegen Rentenniveaus zwischen 70 und 90 Prozent – und das bei langfristig stabileren Finanzierungsmodellen.
Diese Länder setzen auf Mehrsäulenmodelle, in denen die gesetzliche Rente durch verpflichtende betriebliche und freiwillige private Vorsorge ergänzt wird. Deutschland hingegen hat sich lange Zeit fast ausschließlich auf das Umlageverfahren verlassen und notwendige strukturelle Anpassungen gescheut.
Politisches Zögern mit hohen Folgekosten
Warum wurden die erforderlichen Reformen nicht längst umgesetzt? Der Hauptgrund liegt in der politischen Sensibilität des Themas. Renten, Beiträge und Renten-eintrittsalter sind wahlentscheidend. Die Angst vor Stimmenverlusten hat dazu geführt, dass Reformen immer wieder vertagt wurden. Stattdessen beschränkte man sich auf punktuelle Maßnahmen wie die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre.
Diese Politik des Aufschiebens hat jedoch einen hohen Preis. Jede weitere Verzögerung verschärft die Probleme und verengt den Handlungsspielraum künftiger Generationen. Eine ehrliche und faktenbasierte Debatte über die Zukunft der Rentenfinanzierung ist daher überfällig.
Ein Rentenplan 2050 für mehr Generationengerechtigkeit
In meinem Buch „Die erforderliche Rentenreform. Wie die Rentenfinanzierung gelingen kann“ entwickle ich auf Basis erfolgreicher europäischer Modelle einen langfristigen Rentenplan 2050 für Deutschland. Ziel ist ein stabiles, gerechtes und finanzierbares Rentensystem, das allen Generationen Planungssicherheit bietet. Die Kernpunkte dieses Konzepts sind:
ein konsequenter Übergang zu einem Zwei- bzw. Drei-Säulen-Modell mit gesetzlichen, betrieblichen und privaten Rentenbausteinen,
langfristig erreichbare Renteneinkommen von 70 bis 90 Prozent des früheren durchschnittlichen Arbeitseinkommens,
eine Begrenzung der Arbeitnehmerbeiträge auf maximal zehn Prozent und der Arbeitgeberbeiträge auf maximal zwölf Prozent,
eine Deckelung der Bundeszuschüsse auf maximal 25 Prozent des BIP mit perspektivischer Absenkung auf 20 Prozent.
Langfristig ist zudem ein schrittweiser Wechsel vom reinen Umlageverfahren hin zu stärker kapitalgedeckten Elementen erforderlich, um die Lasten fairer zwischen den Generationen zu verteilen.
Arbeit, Wachstum und Demografie zusammendenken
Eine nachhaltige Rentenreform kann jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Sie muss eingebettet sein in eine umfassende Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und Familienpolitik. Dauerhaft höhere Renten sind nur möglich, wenn auch höhere Arbeitseinkommen erwirtschaftet werden. Dafür braucht es ein stabiles Wirtschaftswachstum von zwei bis drei Prozent, bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen und gezielte Investitionen in Bildung und Innovation.
Zugleich sollten längeres Arbeiten im Alter stärker honoriert werden – etwa durch höhere attraktive Steuerfreibeträge und höhere Rentenansprüche. Auch die Erwerbsbeteiligung von Frauen muss weiter steigen. Ganztagsschulen, mehr bezahlbare Kitaplätze und flexible Betreuungsmodelle sind dafür zentrale Voraussetzungen.
Migration kann einen wichtigen Beitrag leisten, wenn Zugewanderte schneller qualifiziert und besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. Langfristig bleibt jedoch auch eine zielorientierte Familienpolitik entscheidend, um dem demografischen Wandel aus eigener Kraft zu begegnen.
Zeit für Ehrlichkeit und Mut
Die erforderliche Rentenreform ist kein kurzfristiges Projekt und kein Wahlkampfversprechen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Ehrlichkeit, Mut und langfristiges Denken verlangt. Populistische Vereinfachungen helfen ebenso wenig wie das Verschweigen unbequemer Fakten.
Deutschland kann von den Erfolgsmodellen anderer europäischer Länder lernen – wenn Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bereit sind, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Dann sind höhere Renten, weniger Altersarmut, geringere Haushaltszuschüsse und mehr Generationengerechtigkeit realistisch erreichbar.
Weitere Informationen zu meinen Analysen und Reformvorschlägen finden Sie in meinem Buch „Die erforderliche Rentenreform. Wie die Rentenfinanzierung gelingen kann“ sowie auf meiner Homepage www.egonminar.eu.