Die Rentenfinanzierung braucht Ehrlichkeit – und den Mut zur Zumutung

Gastkommentar

Egon Minar

1/26/20262 min read

Die Rentenfinanzierung braucht Ehrlichkeit – und den Mut zur Zumutung

Deutschlands Rentensystem steuert auf eine finanzielle und soziale Zerreißprobe zu. Trotzdem wird die Debatte darüber noch immer mit Beruhigungsformeln, Wahlversprechen und politischem Zaudern geführt. Das ist gefährlich. Denn die Sorgen der Menschen um ihre Altersversorgung sind längst berechtigt – und sie wachsen von Jahr zu Jahr.Das deutsche Rentensystem beruht auf dem Generationenvertrag: Die Erwerbstätigen von heute finanzieren die Renten der Ruheständler von heute. Dieses Umlageverfahren funktionierte in Zeiten stabiler Demografie und hoher Beschäftigung. Diese Zeiten sind vorbei. Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentnerinnen und Rentner aufkommen. Gleichzeitig altert die Gesellschaft schneller als jede politische Reformdiskussion.                        

Die finanzielle Schieflage ist bereits heute offensichtlich. Rund 125 Milliarden Euro fließen jährlich aus dem Bundeshaushalt in die gesetzliche Rentenversicherung – etwa ein Viertel des gesamten Haushalts. Das ist kein Randproblem mehr, sondern eine der größten strukturellen Belastungen der öffentlichen Finanzen. Ohne grundlegende Reformen werden diese Zuschüsse weiter steigen und den Staat in anderen zentralen Bereichen zunehmend handlungsunfähig machen.                                                                                                                                          Besonders brisant ist dabei: Trotz dieser enormen Summen nimmt die Altersarmut zu. Schon heute ist rund jede fünfte Rentnerin und jeder fünfte Rentner betroffen – mit deutlicher Schlagseite zulasten von Frauen. Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, darf im Alter nicht auf Grundsicherung angewiesen sein. Doch genau dieses Versprechen droht der Sozialstaat immer häufiger zu brechen.

Ein Blick ins europäische Ausland entlarvt die Behauptung, Deutschland habe keine realistischen Alternativen. Mit einem Rentenniveau von rund 48 Prozent liegt die Bundesrepublik lediglich im europäischen Mittelfeld. Länder wie Österreich, die Niederlande, die Schweiz oder Dänemark erreichen Rentenniveaus von 70 bis 90 Prozent – und das mit stabileren und langfristig besser finanzierbaren Systemen. Der entscheidende Unterschied: Sie haben ihre Rentensysteme frühzeitig reformiert und konsequent auf Mehrsäulenmodelle gesetzt.

Deutschland hingegen hat Reformen über Jahrzehnte vertagt. Aus Angst vor Stimmenverlusten wurde das Thema Rentenpolitik politisch entschärft, statt sachlich angegangen. Die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre blieb eine der wenigen strukturellen Maßnahmen. Sie reicht bei weitem nicht aus. In meinem Buch „Die erforderliche Rentenreform. Wie die Rentenfinanzierung gelingen kann“ skizziere ich deshalb einen langfristigen Rentenplan 2050 für Deutschland. Ziel ist ein Zwei- bzw. Drei-Säulen-Modell, das auskömmliche Renten ermöglicht, ohne Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder den Staat zu überfordern. Dazu gehört auch ein schrittweiser Übergang zu stärker kapitalgedeckten Elementen, um die Lasten gerechter zwischen den Generationen zu verteilen.

Doch Rentenpolitik ist mehr als Rentenformeln. Dauerhaft höhere Renten setzen dauerhaft höhere Arbeitseinkommen voraus. Dafür braucht es ein solides Wirtschaftswachstum, bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen und eine entschlossene Arbeitsmarktpolitik. Längeres Arbeiten im Alter sollte nicht sanktioniert, sondern belohnt werden. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen muss weiter steigen – mit verlässlicher Kinderbetreuung statt politischer Sonntagsreden. Zuwanderung kann helfen, wenn sie schneller qualifiziert und besser integriert wird.

Die Rentenfrage ist keine ideologische Spielwiese, sondern eine Frage der Generationengerechtigkeit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ehrlichkeit wird dabei nicht ohne Zumutungen auskommen. Doch weiteres Wegsehen wäre die teuerste und unsozialste aller Optionen. Deutschland braucht jetzt eine offene Debatte, den Mut zur Reform – und den politischen Willen, von erfolgreichen europäischen Modellen zu lernen. Weitere Analysen und Reformvorschläge finden sich in meinem erwähnten Buch sowie auf meiner Homepage www.egonminar.eu.