Die Welt im Krisenmodus – Deutschland darf sich keine strategische Blindheit mehr leisten

Ein Gastkommentar

Egon Minar

7/10/20262 min read

Die Welt verändert sich schneller, als viele politische Debatten vermuten lassen. Während in Deutschland häufig über die Krisen des Tages diskutiert wird, vollzieht sich im Hintergrund eine Entwicklung, die weit tiefgreifender ist: Die internationale Ordnung, die über Jahrzehnte Sicherheit, Stabilität und Wohlstand gewährleistete, gerät zunehmend unter Druck. Der russische Angriff auf die Ukraine war dabei kein isoliertes Ereignis. Er markiert vielmehr den sichtbaren Beginn einer neuen geopolitischen Realität. Die Rückkehr militärischer Gewalt als Mittel der Politik, die wachsende Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China, die Eskalationen im Nahen Osten sowie die zunehmende Bedeutung von Cyberattacken und technologischer Macht zeigen, dass die Welt in eine Phase strategischer Unsicherheit eingetreten ist

Lange Zeit schien die Vorstellung plausibel, wirtschaftliche Verflechtung werde politische Konflikte entschärfen. Diese Annahme hat sich als Fehleinschätzung erwiesen. Die Globalisierung hat Wohlstand geschaffen, aber sie hat geopolitische Rivalitäten nicht überwunden. Im Gegenteil: Viele Staaten nutzen wirtschaftliche Abhängigkeiten heute gezielt als politisches Druckmittel. Besonders deutlich wird dies im Verhältnis zwischen China und dem Westen. Die Taiwan-Frage besitzt das Potenzial, sich zu einem der gefährlichsten Konflikte des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Ein militärischer Zusammenstoß in Ostasien würde nicht nur die regionale Stabilität gefährden. Er könnte die Weltwirtschaft erschüttern, globale Lieferketten unterbrechen und die internationale Sicherheitsordnung dauerhaft verändern.

Gleichzeitig nimmt die Zahl der Krisenherde zu. Der Nahe Osten bleibt ein geopolitisches Pulverfass. Russland setzt seinen Konfrontationskurs fort. Die nukleare Dimension internationaler Politik gewinnt wieder an Bedeutung. Hinzu kommen Herausforderungen, die nicht auf Schlachtfeldern entschieden werden: Klimawandel, Migration, Ressourcenknappheit und die Verwundbarkeit digitaler Infrastrukturen.

Die eigentliche Gefahr liegt jedoch nicht allein in diesen Entwicklungen. Sie liegt in ihrem Zusammenwirken. Noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges waren so viele geopolitische Risiken gleichzeitig wirksam. Die Welt befindet sich nicht in einer einzelnen Krise. Sie erlebt die Überlagerung mehrerer Krisen, die sich gegenseitig verstärken können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit von Fehlkalkulationen, Eskalationen und politischen Schockereignissen erheblich.

Europa ist auf diese Entwicklung nur unzureichend vorbereitet. Der Kontinent sieht sich mit demografischen Herausforderungen, wirtschaftlichen Belastungen und einer zunehmend komplexen Sicherheitslage konfrontiert. Während andere Weltregionen wachsen und ihren Einfluss ausbauen, droht Europa an strategischem Gewicht zu verlieren. Die Annahme, dass wirtschaftliche Stärke allein politische Handlungsfähigkeit garantiert, wird künftig nicht mehr ausreichen.

Deutschland steht dabei in einer besonderen Verantwortung. Als größte Volkswirtschaft Europas profitiert die Bundesrepublik in hohem Maße von einer stabilen internationalen Ordnung. Zugleich machen genau diese Verflechtungen Deutschland besonders anfällig für globale Erschütterungen. Energiekrisen, Handelskonflikte, militärische Eskalationen oder digitale Angriffe treffen die exportorientierte deutsche Wirtschaft unmittelbar.

Deshalb reicht es nicht mehr aus, auf Krisen zu reagieren. Deutschland muss lernen, strategisch vorauszudenken. Dazu gehören eine belastbare Sicherheits- und Verteidigungspolitik, der Schutz kritischer Infrastrukturen, die Verringerung einseitiger Abhängigkeiten, technologische Wettbewerbsfähigkeit und eine realistische Einschätzung geopolitischer Risiken. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob Europa und insbesondere Deutschland ihre Handlungsfähigkeiten bewahren können oder zunehmend zum Objekt globaler Machtverschiebungen werden. Die Welt befindet sich an einem Wendepunkt. Wer heute noch glaubt, die gegenwärtigen Krisen seien vorübergehende Ausnahmen, unterschätzt die Tiefe des Umbruchs. Die entscheidende politische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, die Vergangenheit zu bewahren, sondern die Zukunft vorzubereiten. Denn die Frage lautet längst nicht mehr, ob sich die Welt verändert. Die Frage lautet, ob Deutschland bereit ist, sich mit ihr zu verändern.

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