Europa verliert – und Berlin und Paris liefern keine Führung

Ein Gastkommentar

Egon Minar

4/21/20262 min read

Es ist eine unbequeme Wahrheit: Europa ist auf dem Rückzug. Wirtschaftlich unter Druck, geopolitisch zunehmend marginalisiert, gesellschaftlich angespannt. Während die USA und China ihre Machtpositionen festigen, wirkt die Europäische Union oft wie ein zögerlicher Zuschauer der eigenen Bedeutungslosigkeit. Und im Zentrum dieses Problems steht ausgerechnet das Tandem, das Europa einst stark gemacht hat: Deutschland und Frankreich.

Eine Führungsachse ohne Führung

Über Jahrzehnte war klar: Wenn Berlin und Paris sich einig sind, bewegt sich Europa. Wenn sie gemeinsam handeln, entstehen Fortschritt, Stabilität und Richtung. Heute ist davon wenig übrig. Statt strategischer Abstimmung dominieren nationale Reflexe. Statt gemeinsamer Initiativen gibt es Alleingänge. Statt Vertrauen wächst Skepsis. Die deutsch-französische Beziehung ist nicht zerbrochen – aber sie ist politisch ausgehöhlt. Das eigentliche Problem ist nicht Streit. Das Problem ist die Gleichgültigkeit.

Der Preis der politischen Bequemlichkeit

Man kann die Entwicklung nicht schönreden. Die politischen Eliten beider Länder haben es in den letzten Jahren versäumt, diese Schlüssel-partnerschaft aktiv zu pflegen und weiterzuentwickeln. Zu oft wurden Differenzen ausgesessen statt gelöst. Zu oft wurde europäische Verantwortung hinter innenpolitischen Zwängen versteckt. Zu oft blieb es bei Symbolpolitik. Das Ergebnis ist sichtbar: Europa fehlt die Richtung. Entscheidungen werden verzögert, verwässert oder gar nicht getroffen. Ein Kontinent, der nicht führt, wird geführt.

Die Welt wartet nicht auf Europa

Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist, verschärfen sich die globalen Rahmenbedingungen: Machtverschiebungen, neue Konfliktlinien, wirtschaftliche Abhängigkeiten, technologische Umbrüche. Gleichzeitig wachsen die internen Herausforderungen: demografischer Wandel, Migration, soziale Ungleichheit, Klimadruck. All diese Krisen verlangen nach klarer Führung. Doch genau diese Führung bleibt aus. Ohne ein starkes deutsch-französisches Bündnis fehlt der EU ihr politisches Gravitationszentrum.

Die gefährliche Illusion der Gleichrangigkeit

Es gehört zur politischen Realität, die ungern ausgesprochen wird: Nicht alle EU-Staaten tragen die gleiche Verantwortung für das Ganze. Deutschland und Frankreich sind die zentralen Machtpole Europas – wirtschaftlich, politisch und historisch. Wenn sie diese Rolle nicht aktiv ausfüllen, entsteht ein Vakuum. Und Vakuum bedeutet Instabilität. Die Vorstellung, Europa könne sich ohne diese Führungsachse kohärent entwickeln, ist keine Vision – sie ist eine Illusion.

Zeit für Klartext

Die deutsch-französische Freundschaft ist kein Selbstläufer. Sie ist ein politisches Projekt, das permanente Arbeit, Kompromissbereitschaft und strategischen Willen erfordert. Was fehlt, ist nicht Wissen. Was fehlt, ist Entschlossenheit. Berlin und Paris müssen sich entscheiden: Wollen sie Europa gestalten – oder nur verwalten?

Ein notwendiger Weckruf

Das Buch „Die Wichtigkeit der deutsch-französischen Freundschaft für die Zukunft Europas“ ist mehr als eine Analyse. Es ist ein Weckruf. Es benennt Fehlentwicklungen klar, ohne diplomatische Beschönigung. Und es zeigt, dass es durchaus konkrete, realistische Wege gibt, die Partnerschaft wieder zu stärken – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Vor allem aber macht es deutlich: Untätigkeit ist keine neutrale Option. Sie ist ein Risiko.

Europa braucht wieder Führung

Die Zukunft Europas wird nicht in Sonntagsreden entschieden. Sie wird dort entschieden, wo politischer Wille auf strategisches Handeln trifft. In Berlin. In Paris. Und idealerweise: gemeinsam. Die deutsch-französische Achse war einmal das Rückgrat Europas. Heute ist sie zu oft nur noch Erinnerung. Wenn sich das nicht ändert, wird Europa weiter an Gewicht verlieren – Schritt für Schritt, Krise für Krise. Die Zeit für wohlklingende Bekenntnisse ist vorbei. Europa braucht wieder Führung. Und zwar jetzt.