Ohne Berlin und Paris wird Europa scheitern – Die Wichtigkeit der deutsch-französischen Freundschaft für die Zukunft Europas

Gastkommentar

Egon Minar

6/10/20265 min read

Die deutsch-französische Freundschaft ist keine sentimentale Erinnerung, sondern eine geopolitische Notwendigkeit. Europa befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Der Kontinent altert, verliert wirtschaftlich an Dynamik, kämpft mit geopolitischen Krisen, einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung und einer Weltordnung, in der neue Machtzentren entstehen. Während China seine globale Rolle ausbaut, Indien aufsteigt und die Vereinigten Staaten ihre Interessen immer konsequenter verfolgen, wirkt Europa oft zögerlich, zerstritten und strategisch orientierungslos.

In einer solchen Situation müsste eigentlich jedem politischen Entscheidungsträger klar sein: Europa kann nur stark sein, wenn Deutschland und Frankreich gemeinsam handeln. Dennoch erleben wir seit Jahren genau das Gegenteil. Misstrauen wächst, Abstimmungen werden vernachlässigt, nationale Alleingänge nehmen zu. Die deutsch-französische Achse, jahrzehntelang Motor der europäischen Integration, stottert. Das ist nicht nur ein Problem für Berlin und Paris. Es ist ein Problem für ganz Europa.

Wer verstehen will, warum die deutsch-französische Freundschaft so wichtig ist, muss einen Blick in die Geschichte werfen. Über Jahrhunderte hinweg standen Deutsche und Franzosen einander als Rivalen gegenüber. Vom Mittelalter über die napoleonischen Kriege bis hin zu den Katastrophen des 19. und 20. Jahrhunderts war das Verhältnis immer wieder von Konflikten geprägt. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg kosteten Millionen Menschen das Leben und hinterließen tiefe Wunden auf beiden Seiten des Rheins.

Nach 1945 geschah jedoch etwas Außergewöhnliches. Aus erbitterten Gegnern wurden Partner. Aus Feindschaft entstand Freundschaft. Aus Nationalismus entwickelte sich Zusammenarbeit. Politiker wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Charles de Gaulle verstanden, dass dauerhafter Frieden nicht durch militärische Stärke, sondern durch politische und wirtschaftliche Verflechtung entsteht. Die Montanunion, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich die Europäische Union wären ohne diese Einsicht niemals entstanden.

Man kann deshalb mit guten Gründen behaupten: Die deutsch-französische Aussöhnung gehört zu den größten politischen Erfolgen der europäischen Geschichte. Sie hat nicht nur Frieden gesichert. Sie hat Wohlstand geschaffen, Grenzen geöffnet, Generationen von Europäern neue Chancen ermöglicht und Europa zu einem der lebenswertesten Räume der Welt gemacht.

Umso alarmierender ist die Entwicklung der vergangenen Jahre. Deutschland und Frankreich sprechen zwar weiterhin von Partnerschaft, doch in der politischen Praxis ist häufig das Gegenteil zu beobachten. Immer wieder werden Entscheidungen getroffen, ohne den wichtigsten europäischen Partner einzubeziehen. In zentralen Fragen der Energiepolitik, der Verteidigungspolitik, der Industriepolitik oder der europäischen Finanzarchitektur treten Unterschiede offen zutage. Statt gemeinsamer Strategien erleben wir nationale Interessenpolitik.

Diese Entwicklung wäre bereits problematisch, wenn Europa sich in ruhigen Zeiten befände. Doch die Realität sieht anders aus. Europa steht unter enormem Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitsordnung des Kontinents erschüttert. Die wirtschaftliche Konkurrenz aus China und den USA nimmt zu. Die demografische Entwicklung bedroht die Finanzierungsgrundlagen der Sozialstaaten. Migration, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt stellen viele Staaten vor gewaltige Herausforderungen. Hinzu kommen Klimawandel, Ressourcenknappheit und eine zunehmende politische Radikalisierung in vielen europäischen Ländern. Keine dieser Herausforderungen kann ein europäischer Staat allein lösen. Auch Deutschland nicht. Auch Frankreich nicht.

Dennoch erleben wir derzeit in vielen Ländern eine Renaissance nationaler Reflexe. Immer mehr Politiker vermitteln ihren Bürgern, die großen Probleme unserer Zeit ließen sich durch nationale Abschottung, nationale Souveränität oder nationale Sonderwege lösen. Das ist eine gefährliche Illusion. Europa zählt heute rund 450 Millionen Einwohner. Das klingt viel. Gemessen an den globalen Entwicklungen relativiert sich diese Zahl jedoch schnell. China und Indien vereinen zusammen fast drei Milliarden Menschen. Afrika wird seine Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten massiv ausweiten. Selbst wirtschaftlich dominieren längst andere Akteure die Zukunftsmärkte.

Wenn Deutschland oder Frankreich glauben sollten, sie könnten allein als globale Gestaltungsmächte auftreten, verkennen sie die Realität des 21. Jahrhunderts. Ihre Stärke liegt nicht in der Trennung. Ihre Stärke liegt in der Zusammenarbeit. Gerade deshalb kommt der deutsch-französischen Freundschaft eine Schlüsselrolle zu. Sie ist kein nostalgisches Projekt für Historiker. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Europa überhaupt handlungsfähig bleibt.

Besonders besorgniserregend ist dabei eine Entwicklung, die weit weniger Aufmerksamkeit erhält als politische Gipfeltreffen oder Regierungskonflikte. Auch die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen schwächen sich ab. Immer weniger junge Franzosen lernen Deutsch. Immer weniger junge Deutsche lernen Französisch. Die gegenseitigen Sprachkenntnisse nehmen ab. Damit verschwinden auch kulturelle Brücken und persönliche Verbindungen. Eine Freundschaft zwischen Nationen lebt jedoch nicht allein von Staatspräsidenten, Kanzlern oder Ministerien. Sie lebt von Schüleraustauschen, Städtepartnerschaften, Universitäten, Unternehmen, Vereinen und persönlichen Begegnungen.

Wenn sich zwei Gesellschaften immer weniger kennen, wächst zwangsläufig die Gefahr von Vorurteilen, Missverständnissen und Entfremdung. Gerade deshalb wäre jetzt eine neue deutsch-französische Bildungsoffensive erforderlich. Mehr Austauschprogramme, mehr gemeinsame Studiengänge, mehr Sprachförderung und mehr kulturelle Kooperationen wären keine Nebensächlichkeiten. Sie wären Investitionen in Europas Zukunft.

Die Europäische Union ist heute größer und komplexer als jemals zuvor. Doch Größe allein ersetzt keine Führung. Historisch betrachtet waren es häufig Deutschland und Frankreich, die europäische Kompromisse vorbereitet, Konflikte überwunden und Integrationsschritte ermöglicht haben. Wenn beide Länder gemeinsam handelten, bewegte sich Europa vorwärts. Wenn sie sich blockierten, geriet Europa ins Stocken. Diese Erfahrung gilt bis heute.

Natürlich dürfen Deutschland und Frankreich nicht dominieren. Europa besteht aus 27 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Interessen und Perspektiven. Doch ohne eine enge Abstimmung zwischen Berlin und Paris fehlt der Europäischen Union häufig die notwendige politische Richtung. Die deutsch-französische Partnerschaft sollte deshalb wieder das werden, was sie über Jahrzehnte war: die Lokomotive Europas. Nicht aus Machtstreben. Sondern aus Verantwortung.

Die Generation von Adenauer und de Gaulle wusste aus eigener Erfahrung, welchen Preis Feindschaft kostet. Die heutige Generation kennt diesen Preis nicht mehr. Das ist einerseits ein Erfolg. Andererseits entsteht dadurch die Gefahr, die historische Bedeutung der deutsch-französischen Versöhnung zu unterschätzen. Viele junge Europäer betrachten Frieden innerhalb Europas mittlerweile als Selbstverständlichkeit. Doch Frieden ist niemals selbstverständlich. Er muss politisch gepflegt, gesellschaftlich getragen und kulturell verankert werden.

Die deutsch-französische Freundschaft ist deshalb weit mehr als ein Kapitel in Geschichtsbüchern. Sie ist ein politisches Fundament, auf dem die europäische Stabilität bis heute ruht. Wer dieses Fundament vernachlässigt, riskiert langfristig weit mehr als diplomatische Verstimmungen. Er gefährdet die Handlungsfähigkeit Europas.

Europa braucht mehr als neue Verordnungen, neue Förderprogramme oder neue Gipfelbeschlüsse. Europa braucht wieder eine gemeinsame strategische Vision. Deutschland und Frankreich müssen dabei vorangehen. Sie müssen ihre Differenzen offen diskutieren, aber gleichzeitig den politischen Willen entwickeln, gemeinsame Lösungen zu finden. Sie müssen ihre Bevölkerungen wieder näher zusammenbringen. Sie müssen gemeinsame Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entwickeln.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob Deutschland und Frankreich sich eine engere Zusammenarbeit leisten können. Die eigentliche Frage lautet, ob Europa es sich leisten kann, auf sie zu verzichten. Die Antwort ist eindeutig. Ohne eine starke deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit wird Europa wirtschaftlich schwächer, politisch handlungsunfähiger und geopolitisch bedeutungsloser werden. Mit einer erneuerten Partnerschaft hingegen könnten Berlin und Paris erneut zeigen, dass aus Zusammenarbeit Stärke entsteht, aus Vertrauen Fortschritt und aus Freundschaft Zukunft. Gerade in einer Welt wachsender Unsicherheit braucht Europa diesen Geist dringender denn je.

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